Armlehnsessel Otto Prutscher Gebrüder Thonet Wien um 1913/14

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Vier Armlehnsessel, Model präsentiert auf der Werkbundausstellung in Köln 1914, Entwurf Otto Prutscher, Ausführung Gebürder Thonet, Wien, um 1913/14, Eichenholz, geschnitzt, gebogenes Buchenholz

  • Höhe: 94cm, Breite: 67cm, Tiefe: 45cm
  • 1913 bis 1914
    Technik: Eichenholz, geschnitzt und gebogen, gemusterter Textilbezug erneuert
    Provenienz: Privatbesitz, Asien; Privatbesitz Wien

    zwei Modelle ausgestellt auf der Werkbundausstellung Köln, 1914; ein Modell ausgestellt auf der Biennale in Venedig, 1976
    zwei Exemplare des Modells befinden sich im MAK (Museum für angewandte Kunst) Wien, Inv.-Nr. H 2302-2 und H 2302-1
    Lit.: abgebildet in: Berta Zuckerkandl, „Das Österreichische Haus auf der Deutschen Werkbund-Ausstellung – Cöln“, in: Deutsche Kunst und Dekoration. Illustrirte Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst und künstlerische Frauen-Arbeiten, Bd. XXXIV, April–September 1914, S. 368; abgebildet in: Eugen Kalkschmidt, „Das Österreichische Haus der Werkbund-Ausstellung“, in: Moderne Bauformen. Monatshefte für Architektur und Raumkunst, XIII. Jahrgang, Januar–Juni 1914, S. 399; abgebildet in: Christoph Thun-Hohenstein, Rainald Franz (Hrsg.), Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne. Ausstellungskatalog, MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien, Stuttgart 2019, S. 155; Giovanni Renzi, „Il mobile moderno“, Milano 2008, S. 180-181; Max Eisler, Österreichische Werkkultur, Wien 1916, S. 61 und S. 111; Alexander von Vegesack, Das Thonet Buch, München 1987, S. 144-145; Dekorstoff “Blumenmuster in schwarz/weiß auf gold”, Entwurf von Dagobert Peche, ausgeführt von Philipp Haas & Söhne, Wien, MAK, Wien, Inv.-Nr. WI 1307;

    Preis auf Anfrage
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    Beschreibung

    Otto Prutscher entwarf anlässlich der Werkbundausstellung in Köln 1914 einen seiner beeindruckendsten Möbelentwürfe. Die thronartigen Fauteuils sind sowohl opulent in ihrer Ornamentik als auch von außergewöhnlicher Leichtigkeit. Die Rückenlehne erhebt sich vom Boden als reliefartig geschnitztes geometrisches Ornament, das sich oberhalb der Sitzfläche in volutenförmige Ranken entfaltet und in der Mitte von einem reich geschnitzten Rosenornament bekrönt wird. Die Armlehnen entwickeln sich fließend aus der Rückenlehne, führen mit eleganter Biegung zu den vorderen Beinen und werden dort von fein geschnitzten Kugeln mit Blattwerk bekrönt. Die beiden Beine sind von quadratischem Querschnitt und umlaufend gerillt. Sie werden am Boden von einem halbkreisförmigen Bogen mit der Rückenlehne verbunden, wodurch die Konstruktion visuell geschlossen wird.
    Um ihr Können als Möbelhersteller unter Beweis zu stellen, beauftragte Thonet für wichtige Ausstellungen renommierte Architekten ihrer Zeit mit exklusiven Raumausstattungen, um das Unternehmen als richtungsweisend zu positionieren. Dabei waren den Entwerfern hinsichtlich Komplexität und Qualität der Ausführung meist keine Grenzen gesetzt. Die Werkbundausstellung Köln 1914 zählt zu den wichtigsten Präsentationen der europäischen Moderne und versammelte führende Architekten, Designer und Künstler aus Deutschland und Österreich. Als zentrale Leistungsschau des Deutschen Werkbundes veranschaulichte sie die Verschmelzung von Architektur, Kunst und Kunsthandwerk mit industrieller Produktion. Das von Otto Prutscher entworfene Ensemble steht exemplarisch für diese Synthese und zählt zu den außergewöhnlichsten Möbelentwürfen jener Zeit.
    Eine zentrale Rolle für die starke Präsenz der Wiener Moderne bei der Werkbundausstellung in Köln 1914 spielte Josef Hoffmann. Als führender Architekt, Mitbegründer der Wiener Werkstätte und Lehrer Otto Prutschers war er maßgeblich an der Zusammenstellung und Organisation der österreichischen Beiträge beteiligt. Unter seiner Mitwirkung präsentierte sich in Köln eine geschlossene Gruppe Wiener Architekten und Vertreter der Wiener Werkstätte, unter anderem Dagobert Peche, Josef Frank und E. J. Wimmer-Wisgrill. Für Prutscher, der bei Hoffmann an der Wiener Kunstgewerbeschule studiert hatte, bot die Ausstellung damit ein internationales Forum innerhalb jener Wiener Tradition von Gesamtkunstwerk, Raumkunst und angewandter Kunst, die sein späteres Schaffen entscheidend prägte.
    Für die Kölner Ausstellung wurde das Ensemble in schwarz gebeiztem Eichenholz ausgeführt. Die prachtvolle Ausführung dieser Thonet-Sitzmöbel führte lange zu der Annahme, es handle sich um ein eigens für die Ausstellung gefertigtes Möbelpaar. Die Armlehnsessel wurden nicht in das Verkaufsprogramm von Thonet aufgenommen, Otto Prutscher verwendete später jedoch acht Exemplare für eine von ihm entworfene und ausgestattete Villa in Brünn.
    Die vorliegenden Sessel wurden mit einem eigens reproduzierten Dekorstoff neu bezogen, dessen Entwurf um 1913 von Dagobert Peche stammt und seinerzeit von Philipp Haas & Söhne ausgeführt wurde. Wie auf historischen Fotografien der Werkbundausstellung zu sehen, waren auch die dort präsentierten Sessel mit diesem Stoff bezogen. Der heute weitgehend in Vergessenheit geratene Entwurf wurde eigens für ihre Restaurierung rekonstruiert und in einer originalgetreuen Neuwebung durch Backhausen wiederhergestellt.

    Künstler

    Der Wiener Architekt und Kunstgewerbetreibender Otto Prutscher (Wien 1880 – 1949 Wien) gilt als wichtiger Vertreter des österreichischen Jugendstils. Als Schüler von Josef Hoffmann und Franz Matsch zeichnete er sich für viele Entwürfe der Wiener Werkstätte und Wiener Wohnhausanlagen verantwortlich. Er war nicht nur als Entwerfer aktiv, sondern auch als Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Wien. War sein Stil anfangs noch deutlich von den Arbeiten Hoffmanns beeinflusst, erkennt man bereits ab 1906 eine deutliche stilistische Eigenständigkeit. Zwischen 1906 und 1915 entstehen wundervoll reduzierte Arbeiten ganz im Sinne des Gesamtkunstwerkes des österreichischen Jugendstils. Dabei sind besonders die Arbeiten der Kunstschau 1908 und der Werkbundausstellung 1914 hervorzuheben. Ab 1915 wird der Einfluss von Prutschers Kollegen Dagobert Peche in seinen Arbeiten deutlich. Sein Stil wird moderner und floraler, aber nicht so filigran wie die Arbeiten von Peche. Otto Prutscher verliert nie seine Eigenständigkeit und Inspiration. Auch die Glasarbeiten von 1908 bis 1916 verdienen hier eine gesonderte Erwähnung. Seine Wein- und Likörgläser aus dieser Zeit sind heute bei Sammlern auf der ganzen Welt äußerst gefragt.

    Ausführung

    Der Name Thonet steht wie kein anderer Firmenname für Wiener Jugendstil-Möbel aus gebogenem Holz. Der „Wiener Kaffeehausstuhl“ aus dem Jahr 1859 mit der Modellnummer 14 hat es als Möbel-Ikone sogar in die Designgeschichte geschafft.

    Michael Thonet (Boppard 1796 – 1871 Wien) begründete die Erfolgsgeschichte der Gebrüder Thonet im Jahr 1842, als die Firma das Patent für die Erzeugung von Bugholz erhielt. Bis in die 1860er Jahre hatten er und seine Söhne faktisch das Monopol auf diese innovative Technik, Holz unter Einwirkung von Wasserdampf zu biegen, um daraus Sessel und andere Einrichtungsgegenstände herzustellen.

    Die Bugholztechnik hatte das europäische Möbeldesign des 19. Jahrhunderts revolutioniert, weil es die Entwicklung vom handwerklichen Tischlerei-Erzeugnis hin zur industriell-seriellen Produktion ermöglichte. Thonet schaffte diesen Sprung von der Manufaktur zur industriellen Serienproduktion unter Einhaltung hoher Qualitätsstandards.
    Ästhetisch am Puls der Zeit beauftragte Thonet namhafte zeitgenössische Architekten mit dem Entwurf der Möbel, so z.B. Otto Wagner, Josef Hoffmann, Marcel Kammerer oder Otto Prutscher.

    Die modernen Einrichtungsobjekte Thonets wurden auf vielen internationalen Ausstellungen in Europa und Übersee präsentiert und wurden vielfach ausgezeichnet. Den großen kommerziellen Erfolg verdankte die Firma auch dem dichten Vertriebsnetz mit Niederlassungen in allen wichtigen europäischen Metropolen.

    Im Jahr 1922 fusionierte Thonet mit der Firma Mundus, die bereits 1914 die Firma J. &. J. Kohn übernommen hatte.

    Einrichtungsgegenstände der Gebrüder Thonet finden sich in Sammlungen wichtiger Museen, so z.B. im Museum für Angewandte Kunst in Wien (MAK) oder im Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

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